Gestatten Sie mir eine persönliche Erinnerung: Als ich vor 50 Jahren, im fernen 1976, den Sommelier-Grundkurs der Handelskammer Bozen besuchte, gemeinsam mit dem unvergessenen Hans Stafler von Mauls und Christian Wild von der „Post“, damals noch in vager Absicht, den „Elephanten“ zu übernehmen, fragte uns Kursleiter Bruno Weger, von woher wir kämen. Als wir sagten, aus dem Eisacktal, merkte er gewohnt knurrig an,: „Ihr habt’s gute Weißweine, aber da kann man noch viel mehr tun.“ Weger, 37 Jahre lang Obmann des Verbands der Südtiroler Kellermeister, unmittelbar vor Hans Terzer, hatte rech.

Es vergingen noch zehn Jahre, bis etwa 1985, bis in Südtirol die Weinrevolution einsetzte und die Qualität sprunghaft anstieg. Neben der zuvor kaum vorstellbaren Qualitätssteigerung fiel vor allem der Siegeszug der Weißweine ins Auge, das Sortiment veränderte sich sprunghaft: 1996 erreichte der Anteil der Weißweine mit 37% erst ein Drittel der Produktion Südtirols, 63% waren damals Rotweine. 2022 hat sich hingegen das Verhältnis gedreht –nunmehr dominieren die Weißen mit 65%, die Roten halten noch 35% – damit nur mehr ein Drittel.

Im Siegeszug der Weißweine, der „White Power“ Südtirols, nimmt das Eisacktal eine Sonderstellung ein: Es ist das nördlichste Anbaugebiet der Republik Italien. Kenner aus dem Belpaese schwärmen für die frischen, säurebetonten, mineralischen Weißweine des Brixner und Klausner Beckens. Noch in den neunziger Jahren ragten vor allem zwei Betriebe heraus – Peter Pliger und die Stiftskellerei Neustift – heute sind es mehr als ein Dutzend Eigenbaukellereien und -genossenschaften, vor deren Qualität nicht nur Kenner den Hut ziehen.

Dies gilt auch für den Sylvaner, der im Sortenspiegel der elf Weißweine Südtirols – vom Weißburgunder bis zum Veltliner - eine Sonderstellung einnimmt: Während alle anderen Weißweine ihre Fläche kräftig ausgeweitet haben, im Fall des Kerners sogar verzehnfacht, sind die Sylvaner-Rebflächen geschrumpft: von 102 ha 1996 auf 68 ha im letzten Jahr. Der Rückgang verweist aber nicht auf schwindende Beliebtheit, sondern auf die Sonderstellung des Sylvaners, dessen Kernheimat in Südtirol sich auf die Diorit- und Lehmböden des Eisacktals konzentriert, In Klausen vor allem an der Ost-, im Brixner Becken an der Westseite.

Sylvaner ist wohl an die 500 Jahre alt und lässt sich in seinem Anbau im Brixner Becken recht genau datieren. Es war der Arzt Franz von Guggenberg, der 1845 den Ansitz Seeburg erworben hatte und neben der ärztlichen Tätigkeit den Weinbau auf den zur Seeburg gehörigen Rebflächen umstellte. Der 1859 mit nur 50 Jahren früh verstorbene Arzt, Vater des großen Bürgermeisters Otto von Guggenberg (1848–1914), war auch ein Wein-Pionier, worauf Helmut Scartezzini verwiesen hat: Er versuchte sich im Anbau von Reben aus Frankreich, Niederösterreich, Steiermark und aus dem Rheingebiet, für das Eisacktal eine völlige Neuheit: Neben Ruländer und Riesling, Blauburgunder und Cabernet franc kam auch der Sylvaner zum Zuge. Auch Erzherzog Johann, der sich in Eppan-Berg und am Thurner Hof in Schenna als Weinreformer versuchte, unternahm um 1847 erste Sylvaner-Experimente. Im Eisacktal, vor allem im Brixner Becken setzte auch Johann Huber (1849–1913), der bekannte „Völkl“ von Elvas, auf Anregung von Edmund Mach vor 1900 neben anderen Weißweinen auf Sylvaner und trug mit Kloster Neustift dazu bei, dass die Sorte konstant auf gutem Niveau blieb.

Die weiße Sorte, die ursprünglich aus Österreich stammte, kam von dort schon vor gut 350 Jahren nach Deutschland, erstmalig erwähnt als „Östareiche Rebe“ im Jahr 1665 vom Abt eines fränkischen Klosters im Steigerwald. Ihre Herkunft gilt durch DNA-Untersuchungen inzwischen als geklärt: Sylvaner ist eine natürliche Kreuzung aus Traminer und der vor allem im Osten Österreichs verbreiteten Sorte Österreichisch-Weiß.

In Deutschland erlebte Sylvaner über die Jahrhunderte eine steile Karriere: auf Immerhin 22% der Anbaufläche kam der „Silvaner“ im Jahr 1970 – danach begann der Abstieg. 2019 waren es nur noch 4,5% und Platz 7 (Platz 5 unter den weißen Sorten) in den deutschen Charts. Neben Deutschland finden sich namhafte Bestände der Sorte im französischen Elsass (1.027 Hektar) und dem Schweizer Wallis (250 Hektar). Zusammen mit kleineren Flächen in Südosteuropa, in Südtirol/Eisacktal und in Übersee summiert sich die weltweite Anbaufläche auf mehr als 6.000 Hektar.

In geeigneten Lagen und bei entsprechender Ertragsreduktion bringt er Weine von hoher bis höchster Qualität und eigenem Charakter hervor. Erdig ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit Aromen und Bouquet des Sylvaners häufig fällt, Stachelbeere oder Birne, Kräuter und Anflüge von Artischocke sind weitere ihm oft verliehene Attribute. In der Regel spiegelt der Sylvaner das Terroir, von dem er stammt: Auf kargeren Böden zeigt er einen tiefen mineralischen Einschlag.

Da in Südtirol auf das Eisacktal beschränkt, ist Sylvaner ein besonderer Wegbegleiter, ein Markenzeichen unserer Talschaft: Er spiegelt ihre Terrassenlandschaft und Quarzphyllit-Böden perfekt wieder. Hier, wo der Süden im zentralen Alpenraum erstmals fühlbar wird, beweist Sylvaner Feinheit ohne Raffinesse, kraftvolle Vielfalt im Bouquet ohne übertriebene Eleganz – eine Ehrlichkeit, die dringend gefragt ist. All dies aber wäre nicht möglich ohne Weinbauern, Genossenschaften und Kellermeister, die seine Qualitäten kennen und sie verfeinern. Die hier gestartete Initiative ist eine Steilvorlage für den besonderen Charakter unseres Tales mit dem Sylvaner als Botschafter von Rang.

  Hans Heiss